Männlich, weiblich, Polarität? Vom Wollen des Unterschieds.

Männer und Frauen sind gleich, kündet es immer öfter. Gehirne werden erforscht, Mars-Venus-Bücher verrissen, patriarchale Denk- und Machtstrukturen entlarvt. Eine neue Sprache wird gesucht, die geschlechterneutral formulieren helfen soll, um den Geschlechtern zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen. Girls’ Days und Boys’ Days locken zu ungeahnten Berufswegen. Pink stinks.

Manchen geht das alles nicht schnell genug, anderen geht es schon jetzt viel zu weit, denn: Männer und Frauen seien eben nicht gleich, sagen sie.

Ja, was denn nun?

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Genetisch gesehen unterscheiden sich zum Beispiel Menschen und Schimpansen praktisch gar nicht, und auch der Abstand zu unserer aller Lieblingsspeise, dem Schwein, ist prozentual gesehen winzig. Aber auch innerhalb der menschlichen Rasse sind die Unterschiede marginal: Hier ein paar Gramm mehr oder weniger Hirnmasse, ein Hauch mehr oder weniger Hormone. Und psychologische Tests belegen in schöner Regelmäßigkeit, dass die vermeintlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau umso schneller verschwinden, je genauer man hinschaut.

Und dennoch scheint der Drang des Menschen, sichtbar zwischen Männern und Frauen unterscheiden zu können, nicht zu versiegen. Im Gegenteil. Nie zuvor gab es eine derart breite Palette an geschlechtsspezifisch gestalteten Produkten zu kaufen. Manchmal könnte man meinen, dass die blauen und die rosafarbenen Welten sich umso rasanter vermehren, je weiter die Angleichung der Geschlechter in der Gesellschaft voranschreitet.

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Eine der Grundüberzeugungen in der Persönlichkeitsentwicklung lautet: Nichts geschieht ohne Grund. Alles, was wir tun oder lassen, folgt einem Zweck, einer positiven Absicht. Sonst würden wir uns ja anders verhalten. Ich behaupte: Wir Menschen im allgemeinen und Männer und Frauen im Besonderen unterscheiden sich nur marginal – und setzen gerade deswegen alles daran, deutliche Unterschiede zu konstruieren.

Wir wollen uns unterscheiden!

Das unterscheidet uns vom zum Beispiel vom Pfau, der entweder mit beeindruckenden Federn geboren wird – oder eben nicht. Wir wollen nicht gleich sein. Wir wollen unseren individuellen Lebenssinn entdecken, unsere eigenen Werte, unser persönliches Glück. Wir geben Millionen aus für Medien, die uns über Trends und Moden informieren, mittels derer wir uns stets aufs Neue wieder und weiter unterscheiden können.

Wir ticken so.

Ist das gut oder ist das schlecht? Richtig oder falsch? Überholt oder normal?

Warum und wozu wollen wir nicht gleich sein, wollen wir uns unterscheiden?

Die Antwort ist so einfach wie machtvoll: wir wollen uns vermehren.

Dafür müssen wir vögeln. Mit jemandem, der sich von unserer genetischen Ausstattung möglich stark unterscheidet, weil ansonsten die Menschheit zugrunde ginge. Und wenn schon der naturschöne Pfau sich mühen muss, um auf die Pfauin springen zu dürfen – warum sollte es den Menschen anders gehen? Die Weibchen dieser Welt nehmen nicht jeden!

Also müssen sich die Menschen-Männer ins Zeug legen, um die Menschen-Frau der Wahl zur Hingabe zu motivieren. Und je mehr Männer den Gockel machen, desto mehr werden sich die Frauen ihrerseits unterscheiden wollen, auf dass der stolzeste Hahn auf dem Hof ausgerechnet ihnen den Hof mache.

Man kann dieses Spiel, diese dauerhafte Balz, nervig finden, unaufgeklärt, peinlich. Ja natürlich. Aber wer vögeln will, muss nett sein und meist auch noch weitere attraktive Attribute bereitstellen.

Der Pfau wedelt, und die Instinkte machen den Rest. Bei den Menschen reicht das Wedeln alleine nicht, selbst wenn es manchmal ganz danach aussieht…

Bei uns Menschen steht das Bewusstsein dazwischen: Trotz aller Hormone, die mit uns durchgehen können, wissen wir, was wir tun ­– und können es deshalb auch genauso gut bleiben lassen. Am Ende des Tages – oder des Flirts – müssen wir mit unserem Gegenüber ins Bett gehen wollen. Nicht ohne Grund betrachten wir das Übergehen des Willens des Anderen und erzwungenen Sex als Verbrechen, das bestraft werden muss.

Wir müssen wollen. Sonst bleiben die Säfte einsam.

Und wenn wir schließlich wollen, was dann? Dann müssen wir jemanden finden, der Selbiges mit uns tun möchte.

Wie suchen wir uns dafür aus? Wie finden wir jemanden, der unsere Aufmerksamkeit erregt, den wir interessant, aufregend, spannend, inspirierend, sexy finden? Da wir keine Pfauen sind, und weil wir unseren Mitmenschen so verdammt ähnlich sind, müssen wir uns um das sichtbare Unterscheiden selber kümmern. Müssen es bewusst wollen, uns zu unterscheiden, denn sonst käme kaum jemand auf die Idee, uns ins Schlafzimmer zu folgen.

Der Mensch kann für dieses Unterscheiden nicht einfach auf angeborene Federkleider oder wohlklingende Zwitscherlaute zurückgreifen. Er muss sich seine Benefits selbst erschaffen. An dieser Stelle beginnt das, was wir Kultur nennen: mithilfe unseres Willens, unserer Kreativität, unserer Sinnlichkeit und unserer Vernunft verändern und erweitern wir die Natur.

Wir schaffen Unterschiede, wo keine sind. Eben weil dort keine Unterschiede sind, schaffen wir sie. Wir machen uns unterscheidbar und damit sichtbar.

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Jedes Kind weiß – oder ahnt – wie zentral dieser Wunsch für sein Leben ist. Kinder wollen wissen, ob sie Junge oder Mädchen sind. Kinder spielen Doktor, erforschen die Unterschiede, schauen sich genau an, wie das so geht mit dem Männer- und Frauen-Ding, und sie haben oft sehr klare Vorstellungen darüber, was männlich ist und was weiblich. Jungen wollen Männer werden, Mädchen wollen Frauen werden.

By the way: Die große Kulturleistung, die die Menschheit gerade zu vollbringen sucht, ist die Erkenntnis, dass zwischen sehr eindeutigen Männern und sehr eindeutigen Frauen jede Menge Varianten liegen, die weder besser noch schlechter sind, keiner Korrektur bedürfen und normal sind. Nicht nur im Sinne der Gauß’schen Normalverteilung sondern auch im Sinne von Gottes Schöpfung. Alles auf dieser Welt ist Gottes Ebenbild. Wir alle haben teil an der göttlichen Welt, und von diesem Standpunkt aus gesehen ist niemand besser oder berechtigter als ein anderer.

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Menschliche Unterschiede sind eine Kulturleistung. Und da Sex und Fortpflanzung eine so fundamentale Rolle in unserem Leben spielen, kultivieren wir hier auch gerne besonders viele Unterschiede – und reagieren nervös, wenn man sie uns wegnehmen will.

Zugleich sind wir natürlich gleich. Gleich im Sinne und des Höheren Selbst. In dieser Dimension sind wir nicht mehr Mann oder Frau. Da sind wir reine Liebe. Aber alles zu seiner Zeit…

Zunächst muss der Mensch alles daran setzen, sich zu unterscheiden: Als Sexualpartner, als Arbeitsmarktteilnehmer, als was auch immer. Erst danach – oft in der zweiten Lebenshälfte, wenn das Haus gebaut, die Kinder gezeugt, der Apfelbaum gepflanzt ist – kann es dann darum gehen, die Unterscheidung wieder zu überwinden, um in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung einen nächsten Schritt zu gehen.

Um die kultivierte Unterscheidung zu überwinden, muss sie zunächst einmal da gewesen sein. Was ich nicht war, kann ich nicht überwinden. Wir brauchen die Erfahrung der Unterscheidung, um diesen Schritt zu machen: Menschen, die das Mann–Frau–Ding ausgelassen haben, bleiben oft ihr Leben lang auf der Suche danach, anstatt den nächsten Schritt zu gehen.

Jungen und Mädchen, Männer und Frauen sind gleich. Und brauchen daher ein kulturelles Umfeld, in dem sie die Unterschiede Ihrer Wahl kultivieren können. Ein Umfeld, das sie für ihre jeweilige Wahl respektiert. Ein Umfeld, dessen Anders–Sein sie ihrerseits respektieren. In einem solchen Umfeld greifen dann auch die wenigen Unterschiede, die wir von Geburt mitbringen, so stark, dass wir manchmal meinen, sie wären so unendlich groß und wichtig.

Kann also alles so bleiben wie es ist? Sollten wir sofort alles Nachdenken und Sprechen über die Geschlechter, Geschlechterrollen und überholten bzw. zeitgemäßen Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit einstellen? Natürlich nicht! Denn wir haben einen freien Willen. Und den benutzen wir Menschen nur allzu gerne, um mehr Macht über andere zu gewinnen anstatt auf der eigenen Entwicklungsleiter höher zu steigen.

Wir bekommen immer beide Seiten der Medaille. Immer. Überall. Die beiden Seiten dieser Medaille sind Unterdrückung durch Macht und Weiterentwicklung durch Gestaltungsmacht.

So haben es die Menschen verstanden, die spannenden, fantasievollen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu pervertieren in unterschiedliche Rechte der Geschlechter. Und in vermeintlich unterschiedliche Fähigkeiten und Präferenzen.

Diese Meinungen von Rechten und Fähigkeiten haben mit den Unterschieden, aus denen der Tanz der Geschlechter entsteht, nichts zu tun. Aber solange jemand aus solcher Pervertierung Vorteile zieht – Geld, Einfluss, Ansehen – wird diese Pervertierung verteidigt. So besteht zwischen den Forderungen Frauen-An-Den-Herd und Frauen-An-Die-Macht natürlich ein großer Unterschied – aber letztendlich gehen beide auf dieselbe Pervertierung im Geiste zurück.

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Beim Thema männlich-weiblich gibt es ein großes Missverständnis. Die Welt präsentiert sich uns polar, d.h. in Gegensätzen: hell dunkel, warm und kalt, hoch und tief, schnell und langsam und so weiter. Erst durch das Gewahrwerden der anderen Seite der Medaille können wir die eine Seite erkennen. Ohne ihr Gegenteil können wir Eigenschaften nicht sehen, spüren, hören…

So haben wir Menschen alles, was ist, in diesem Modell der Polarität abgebildet und diesem Modell wiederum Namen gegeben: Yin und Yang, Anima und Animus, Shiva und Shakti. Wichtig dabei: Es handelt sich um ein Modell und nicht um die Wirklichkeit; um etwas Gemachtes und dadurch auch um etwas Veränderliches.

In diesen Modellen wurden Eigenschaften so angeordnet, wie die Menschen sie im Alltag überwiegend erleben: auf der einen Seite landeten beispielsweise empathisch, kommunikativ, intuitiv – auf der anderen Seite rational, wirkungsmächtig, logisch. Und so fanden hier auch weiblich und männlich ihren Platz. Und bald wurde aus der bloßen Erfahrung einer Gauß’schen Normalverteilung ein Du-Musst, Du-Sollst, Du-Darfst-Nicht, Du-Kannst-Nicht.

Alle Modelle, die sich der Mensch erschafft, um diese unfassbar(groß)e Welt zu fassen, gehen diesen Weg: Aus dem Wunsch, sich zurecht zu finden, werden irgendwann Gebote und Verbote, die den Wirkungskreis anderer einschränken. Um die eigene Beschränktheit angesichts der Größe unseres Universums und der engen eigenen Wirklichkeit nicht spüren zu müssen. So kreiiert sich die Menschheit beständig Beschränkungen, mit dem Ziel sich selbst ein bisschen wichtiger und geordneter zu machen.

Was heißt das im Alltag? Unser Gehirn ist ständig auf der Suche nach Ähnlichkeiten, nach Das-Kenne-Ich-Schon-Erlebnissen. Denn dann braucht es weniger Energie, und das findet unser Körper gut. Jeder kennt das. Man entscheidet sich, ein blaues Auto zu kaufen und sieht plötzlich um sich herum nur noch blaue Autos. Man wird schwanger und fühlt sich mit einem Mal von Schwangeren umzingelt. Wir sehen, was wir sehen wollen.

Wie wir die Welt wahrnehmen, ist letztlich immer eine Entscheidung. Oftmals eine unbewusste, aber eine Entscheidung. Wenn ich glauben möchte, dass Frauen nur Verführungs- statt Führungskräfte sein können, werde ich ständig Frauen sehen, die an der Chef-Position scheitern bzw. die erfolgreichen übersehen.

Wer Männer-Sind-Schweine denkt, wird vornehmlich üble Erfahrungen mit Männern wahrnehmen.

„The Secret“ taugt nicht viel, aber das Prinzip von Resonanz ist wirksam: Es wächst, was wir nähren, und wie wir in den Wald hinein rufen, so schallt es heraus.

Also: nur weil viele Männer gerne rational denken, sind Männer noch lange keine unsensiblen Vollpfosten. Nur weil viele Frauen gerne viel reden, sind Frauen nicht per se Klatschweiber.

Polarität ist ein Modell. Ein Modell ist nicht die Wirklichkeit. Ein Modell kennt keine Gebote und Verbote. Diese leiten Menschen aus ihnen ab, um sich das Leben leichter zu machen, auch oder gerade weil es andere (und sich selber) einschränkt.

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Sind „Mann“ und „Frau“ auch nur ein Modell? Natürlich. Erst einmal sind Mann und Frau Worte. Begriffe. Also etwas Menschengemachtes. Der Versuch, aus diesen Begriffen ein Du-Musst, Du-Darfst-Nicht, Du-Kannst-Nicht abzuleiten, endet unweigerlich im Desaster.

Wenn wir nur genau hinschauen, werden wir jede menschliche Eigenschaft bei Männern und Frauen entdecken. Jede. Dann sind wir doch alle gleich? Ja. Natürlich. Aber wir wollen uns doch unterscheiden!? Ja. Natürlich.

Genau hier liegt der entscheidende Unterschied. Wir wollen uns unterscheiden. Wenn ich mich unterscheiden möchte, einen Sexualpartner anzulocken und dafür einen bestimmten Satz menschlicher Eigenschaften kultiviere, dann ist das so. Es ist nicht gut, es ist nicht schlecht, es ist so. Punkt.

Aber wenn du mir sagst, welche Eigenschaften ich kultivieren soll, damit ich deinem Geschmack von Mann oder Frau entspreche, dann ist das nicht ok. Genauso falsch übrigens, wenn ich meine Meinungen und Eigenschaften zum Maß aller Dinge machte.

Hier stoßen wir auf ein Paradox, das sich durch unser gesamtes Leben zieht: welche Unterschiede ich kultiviere, ist allein meine Entscheidung (natürlich maßgeblich beeinflusst durch meine Umgebung). Hier kommt es nur auf mich an. Aber natürlich bin ich an sich völlig unwichtig. In dieser Welt geht es nicht um mich. Oft wird das verwechselt.

Weil wir Menschen einen individuellen Unterschied machen wollen, glauben wir manchmal, alle müssten das toll und besonders finden. Pustekuchen. Es geht nicht um dich. Aber nur in dir und durch dich kannst du einen Unterschied machen und so sichtbar werden. Da sind dann Dankbarkeit und Demut gefragt statt Hochmut und Egoismus. Nur so lässt sich dieses Paradox ertragen.

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Wenn letztlich ich es bin, der sich die eigenen Unterschiede aussucht, haben dann meine Eltern, Lehrer, Freunde, Medien, die mich beeinflussen, überhaupt das Recht, mir ihre Bilder von weiblich und männlich zu präsentieren? Müssten sie nicht alles tun, mir eine neutrale Umwelt anzubieten? Natürlich nicht.

Woher soll ich denn wissen, was männlich sein könnte und was weiblich, wenn mir die Welt das nicht zeigte? Was ich nicht kenne, kann ich meinerseits nicht kultivieren. Dann würde man mich von einem zentralen Bestandteil meiner Kultur abschneiden, und das wäre Barbarei.

Dieses Paradox müssen wir aushalten: wir prägen unsere Kinder und hoffen zugleich, dass sie sich die Fähigkeit erhalten, irgendwann selbst frei zu wählen. Aber frei bin ich immer nur in Bezug auf etwas. Freiheit pur gibt es nicht (das wäre Chaos). Freiheit existiert nur innerhalb von etwas. Frei bin ich innerhalb der Grenzen, die mir mein persönliches Leben mitgegeben hat. Grenzen aus der Erziehung, der Kultur, der Peergroup, der Gesellschaft, der Religion. Innerhalb von persönlichen Erfahrungen, seinen es gute oder schlechte. Einen Menschen von Prägungen und Einflüssen freizuhalten, damit er freibleibe, führt zum Gegenteil: Er verliert sich im Nichts und geht ein.

Was Eltern, Lehrer, Medienschaffende aber sehr wohl tun können, ist, sich das Bewusstsein dafür zu bewahren, dass alle Zuschreibungen von männlich und weiblich irgendwann von irgendjemandem getroffen wurden und also veränderbar sind.

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Wir müssen uns als Männer und Frauen definieren mit dazugehörenden Eigenschaften, wenn wir als Menschen lebenstauglich bleiben wollen. Und doch bleiben die Eigenschaften im Fluss und verhandelbar. Das muss uns nicht sorgen oder befremden. Wir verlieren dadurch nichts. Wir dürfen uns ganz und gar in die Vielfalt hinein entspannen, die zwischen den beiden Polen von Mann und Frau liegt. Dort haben dann auch problemlos all die anderen Sexualitäten Platz, die sich zwischen homo, inter, trans oder queer finden.

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Wir Menschen streben oft danach, perfekt zu sein. Also suchen wir nach Richtlinien und Definitionen, was ein richtiger Mann und eine richtige Frau ist, wo genau die Grenze zum richtig sein verläuft und falsch beginnt.

Mit diesem Wunsch nach Perfektion machen wir uns und anderen das Leben ungemein schwer. Denn wir sind und werden nicht perfekt , sondern wir sind, wie wir sind und gerade deshalb vollkommen.

Wir müssen nicht „richtig“ werden oder andere dazu machen. Diese Erkenntnis könnte unserer Ego getrieben Hybris einen fiesen Schlag versetzen – sie könnte aber auch die Tür zu etwas öffnen, was wir uns alle im tiefsten Innern wünschen: Vertrauen. Vertrauen in die Welt und in uns selbst. Selbst-Vertrauen. In dem Moment, in dem ich darauf vertraue o.k. zu sein, und nichts leisten zu müssen, um richtig zu sein, kann ich mich in großer Freude und Hingabe in die Liebe entspannen.

Und aus dieser Entspannung heraus komme ich (überhaupt erst) in die Lage, mit den Widersprüchen und Komplexitäten des Lebens fertig zu werden.

Wenn wir uns die Welt anschauen, wie sie gerade ist, dann scheint dort nicht viel Raum für Vertrauen. Überall Unsicherheit, Unklarheit, Umstürze, Wandel, riesige Wanderungsbewegungen, Hass und Leid. Nichts scheint mehr sicher.

Da wir aber ein Mindestmaß an Sicherheit brauchen, um uns aufs Leben und aufeinander einlassen zu können, schaffen wir uns Strukturen. Und entdecken bald, dass der Übergang von sicherheitsspendenden Strukturen zu einengenden Mauern fließend ist.

Auch unser Modell von Mann und Frau ist eine solche Struktur, die Sicherheit schafft. Wenn klar ist, dass der Mann beim Date zahlt, entfällt die Unsicherheit darüber, wer zahlt. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Und irgendwann scheinen uns die Vorteile dieser Strukturen schal und begrenzend. Altbacken. Dann lehnen wir uns dagegen auf, gehen in die Diskussion, stellen sie in Frage.

Dann brauchen wir Vertrauen. Vertrauen darauf, dass wir nicht untergehen, wenn der Wandel kommt. Vertrauen, dass wir den Wandel bewältigen können. Dass wir in Liebe sind.

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Wie wird der Wandel aussehen? Werden wir „männlich“ und „weiblich“ als Kategorien, Sicht- und Denkweisen hinter uns lassen? Die Archetypen der Polarität als etwas Vergangenes betrachten? Und was käme stattdessen?

Ich persönlich glaube, dass wir noch sehr lange in „m/w“ denken und handeln werden – eben weil wir Freude daran haben.

Und in dem Moment, in dem wir aus diesen Kategorien endlich keine Rechte, Herabsetzungen und unsinnigen Begrenzungen mehr ableiten, wird sich auch die Diskussion um Gender und Geschlechterrollen wieder erledigen und wir können uns darauf konzentrieren uns zu verführen und zu genießen und zu achten und zu lieben.

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5 Comments

  1. Drs. Wim Lauwers.

    Lieber Harald, vielen Dank fürs Teilen Deiner Gedanken.
    Es gab die Zeit das „Ich Bin“ zu ent-decken. Das war sehr wichtig. Ich war mittendrin in Amsterdam: dolle mina und MännerBewegung.
    Inzwischen sind Wir im „WIR“ angekommen. Wir sind „Mensch“. Für 95% Unserer Zellen gleich, nur die Hülle ist (noch) unterschiedlich. Respekt ist angesagt. Endlich können WIR gemeinsam das Paradies auf Erde verwirklichen. Es ist schon da. Ich lebe mitten drin. Wie Du schreibst, lebt jede(r) in Seiner eigenen Welt. Und all diese Welten zusammen bilden die Ewigkeit, das Eine, die Quelle, die LIEBE.
    WIR sind LIEBE! Ständig bekommen WIR LIEBE von dieser Quelle. Partikelchen, die Uns durchfluten. Die Wissenschaft kann sie messen und diese Botschaft decodieren. Vermehren brauchen WIR Uns nicht mehr unbedingt. Es gibt genug von Unserer Spezies. In der Vereinigung wird kosmische Energie gezeugt, die warm und allumfassend ist: die LIEBE. Wenn WIR so weit sind, vermehrt sich Unsere LIEBE immer mehr. Damit hat Unser Universum sein Ziel erreicht und sind Wir zu 1 Quelle für andere Universen geworden. Bis in Ewigkeit. So ham. Amen. Es sei so.
    Zur Polarität. Ist auch Menschensprachlich erfunden. Ändere X Deine Sprache. Mit Mir. In 1 liebe-volle Kommunikation. Spüre den Unterschied. „Man-Frau“, „Mensch“, „Man-AndersMan“, „Frau-AndersFrau“. Oder „Warm-AndersWarm oder WenigerWarm“. Fühlt sich verbunden an. WIR sind 1!
    (Mit „Fühlen“ meine Ich: mit Deinem <3! :O)))
    ❤ ❤ Wim.
    1 schönen DonnersTag.

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  2. Saleem Matthias Riek

    Lieber Harald,
    dein Text ist auf jeden Fall mal eine Gesprächsgrundlage auf einem Niveau, wie sie in diesem Themenbereich selten ist. Danke dafür.

    Es scheint mir, als beleuchten wir das Thema von 2 Seiten. Du beleuchtest den Spaß, den der Tanz von Mann und Frau bereiten kann. Gut so.

    In meinem Blogtext https://www.sein.de/weiblickeit-und-maennlichkeit-von-archetypen-und-stereotypen/#comment-62164 gehe ich eher auf die Schattenseiten ein, die der Mann-Frau Sprech oft transportiert, vor allem durch die von dir auch benannte Verwechslung von Konstruktion und Wahrheit.

    Ich bin weit davon entfernt, die männlich-weibliche Polarität abschaffen zu wollen (was so klug wäre wie den Unterschied von Tag und Nacht abschaffen zu wollen). Aber so wie wir frei sind, die Nacht zum Tage zu machen oder uns tagsüber aufs Ohr zu legen, so sind wir frei, mit der Polarität zu spielen.

    Das ist aber noch lange nicht der Mainstream in der Geschechlechterdebatte, und gerade nach den Ereignissen an Silvester in Köln werden die Stereotypen wieder mal als Waffen in Stellung gebracht.

    Statt dessen verführen und genießen und achten und lieben. Da bin ich ganz bei dir. 🙂

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