Initiationsrituale zwischen Heiligem Krieg und Pfadfinderei

Immer wieder ein Thema und vor dem Hintergrund islamischer Mörderbanden aktuell besonders brisant: Initiationsrituale beim Übergang vom Jungen zum Mann und ihre Bedeutung für Männer und für die Gemeinschaften, in denen sie leben.

Für einen gelungenen Übergang zum Erwachsenwerden können Initiationsrituale sehr unterstützend sein. Dabei fordern die erwachsenen Männer einer Gruppe die Noch-Kinder heraus, sich ihren Ängsten zu stellen, ihren Mut zu beweisen und sich aus der Sphäre der Mutter zu lösen.

Solche Rituale müssen mit großer Sorgfalt, Achtsamkeit und einem klaren Gespür für Grenzen gestaltet werden, denn sonst dienen sie nicht der Persönlichkeits-Entwicklung sondern der Persönlichkeits-Beschädigung der jungen Jungen.

In unserer patriarchalen Kultur, die seit 2.000 Jahren stark auf Gehorsam gegenüber männlichen Führern setzt (Priester, Könige, Feudalherren, Industriebosse etc.) wurden solche Rituale irgendwann zu Mitteln von Macht und Unterwerfung und damit zu einem Werkzeug der gezielten Deformierung junger Menschen.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Erfahrung, welche Abartigkeiten totale Unterwerfung unter einen totalen Führer hervorrufen kann, haben sich die Initiationsrituale in der westlichen Welt zu eher harmlosen Symbolhandlungen abgeschliffen: In der Jugendweihe, in der Erstkommunion oder Konfirmation war und ist der Charakter des Übergangs nur noch mit Mühe zu erkennen.

Neue Wege

Die Sehnsucht nach unterstützenden Ritualen blieb bestehen, und so versuchen seit einiger Zeit Anbieter von Jungs- und Männerseminare Rahmen zu schaffen, diese in zeitgemäßer Form anzubieten. Dabei greifen sie meist auf alte, schamanische Rituale zurück wie zum Beispiel die Schwitzhütte oder den Feuertanz. In einem solchen Rahmen können Männer und angehende Männer starke Erfahrungen machen, die die positiven Seiten von Männlichkeit respektvoll fördern.

Doch leider gibt es auch die Schattenseite: Initiationsrituale, in denen es nicht um die Reifung der männlichen Persönlichkeit geht, sondern um eine Möglichkeit, Menschen der eigenen Macht zu unterwerfen – ein Rahmen, der bisweilen auch mit sexualisierter Gewalt einher geht. Gangs, Kompanien, Internate und immer wieder ganz „normale“ Schulklassen und Cliquen sind Orte für solche Grausamkeiten.

Tell me why

Warum die Jungs mitmachen? Es gibt Grundbedürfnisse in uns Menschen, die wir um jeden Preis erfüllt sehen möchten, und dazu gehört Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Familie, einem Stamm, einem Clan. Wer nicht dazugehört, der ist draußen, und das ist für Jungen kaum zu ertragen. Die Geschichten vom Leiden der Außenseiter sind Legion.

Dieses Bedürfnis, das zu einem wunden Punkt werden kann, wissen Führer-Figuren zu nutzen und versprechen einen Deal: Ich gebe dir Zugehörigkeit, wenn du mir zuvor deine Unterwerfung gibst, und als Belohnung für deine Unterwürfigkeit darfst du künftig auch selber unterwerfen.

Ich selbst bin beispielsweise in der gymnasialen Unterstufe nur zu gerne durch die „Prügelgasse“ gelaufen, um dazu zu gehören: Zwei parallele Reihen von Jungs, die eine Gasse bilden. Jeder, der durchläuft, muss die Schläge der Gasse ertragen und darf sich zur Belohnung am Ende selber in die Reihe stellen und mitprügeln.

Die meisten Männer erinnern sich sicher an solche und ähnliche Mutproben, die sie damals nicht so sehr pervers sondern eher normal empfanden.

Wer ist der Boss

Wenn Jungen groß werden, suchen sie nach Halt, nach Leitplanken, nach jemandem, der sie ins Erwachsensein führt. Sie wollen Vorbilder, sie wollen einen Boss, einen Ranghöchsten. Schwache Väter, schwache Lehrer, eine schwache Gesellschaft sind für sie Ziele purer Verachtung, denn wie sollen sie Anführern Respekt entgegen bringen, die ihnen nichts entgegen zu setzen haben?

Noch als Erwachsene spielen Männer dieses Spiel. Im Meeting geht es erst spät und manchmal nie um die Sache sondern darum, wer die „Eins“ ist, der Ranghöchste. Erst wenn das klar ist, kann inhaltlich gearbeitet werden, und während der Arbeit wird Mann danach trachten, den Anführer zu beeindrucken (oder zu stürzen und seinen Platz einzunehmen). Kommunikation ohne Status-Klärung gibt es nicht – schon gar nicht bei Männern.

Watte statt Kante

Unsere Gesellschaft hat sich peu á peu aus archaischen Verhaltensweisen gelöst und sie in zivilisierte, kulturell eingefriedete überführt. Heute überfallen männliche Stammesmitglieder nicht mehr nächtens die Jungen, um sie in ihren Kreis zu holen, sie der Angst auszusetzen und ihren Mut herauszufordern – heute schenken wir unseren Jungs ein iPhone oder andere Statussymbole, mit denen sie signalisieren können, dass sie jetzt auch endlich vom Krümel zum Keks aufgestiegen sind…

Die allermeisten Aktionen dieser Art sind weniger als ein sehr billiger Ersatz für die Kraft und den Wert eines wirklich guten Initiationsrituals. Dazu kommt die Verunsicherung vieler Jungen, die wir spüren lassen, wie unsicher das Leben sein kann: Prekäre Jobs, alltägliche Scheidungen und obszöne Finanzkrisen bläuen unseren Kinder tagtäglich ein, wie schwach und verletzlich sie sind und bereiten damit den Boden für ein Selbstbild der Minderwertigkeit.

Und genau hier setzen dann die furchtbaren Führer an und locken mit Stärke durch vorherige Unterwerfung. In der aktuellen ZEIT beschreibt der Jesuiten-Pater Klaus Mertes eindringlich und aufschlussreich, wie diese Prozesse funktionieren, welche Deformationsvielfalt auch unsere aufgeklärte Moderne noch bereithält. Und er deutet an, welch brutale Dimension Macht- und Unterwerfungsrituale annehmen können, wenn eine ganze Kultur an Minderwertigkeit und Führergehorsam leidet. (→ zum ZEIT-Artikel)

Was ansteht

Wir müssen akzeptieren, dass Jungen immer nach Möglichkeiten suchen werden, ihren Mut zu beweisen, um sich selbst glauben zu können dass sie groß und stark sind und dazugehören. Und keine Kuschelpädagogik und keine gendergerechten Schulbücher werden sie daran hindern, sich diese Möglichkeiten zu suchen.

Wir sind vielmehr gefordert, ihnen immer wieder einen Rahmen zur Verfügung zu stellen, in dem sie ihren Mut in einer Weise erproben können, der sie nicht beschädigt sondern stärkt und der auch ihr Umfeld nicht beschädigt.

Väter müssen lernen, eine innere Haltung und äußere Verhaltensweisen zu kultivieren, denen unsere Söhne mit Respekt, Achtung und Stolz begegnen können. Sie müssen in der Lage sein, die Energie und die Aggression ihrer Söhne auszuhalten, zu würdigen – und sie zwischen angemessenen Leitplanken zu halten.

Wer sich dem verweigert, wer es nicht aushält, von seinem Sohn auch mal scheiße gefunden zu werden, behandelt seinen Sohn, seine Gemeinschaft und sich selbst lieb- und respektlos.

Papa Tor

Väter sind das Tor, durch das die Söhne hindurch müssen, um selber zu freien, starken, stolzen und integren Männern zu werden. Den Weg zu dem Tor müssen sie ihren Söhnen zeigen, müssen ihnen konsequent und verlässlich die Richtung vorgeben und den Spielraum, der ihnen für das Sich-Ausprobieren zur Verfügung steht.

Den Weg zum Tor versperren sie ihnen, wenn sie sich unstet zeigen, lieblos, körperlich unnahbar, unsensibel, frauenhörig, obrigkeitshörig, abwesend, unpräsent, humorlos, wattebäuschig, liebnett, gewalttätig, missbräuchlich, abweisend usw.

So wie sich Frauen im Bett eher einem Letzten Bullen und 50 Shades of Grey hingeben als einem stets verständnisvollen, soften Allesrechtmacher, so akzeptieren Jungen nur Männer als Väter, die diese als Jungen akzeptieren, fordern und fördern. Und sie akzeptieren auch nur eine Gesellschaft als eine erstrebenswerte Gruppe, die sie spüren lässt, dass sie mit ihrer Jungen-Power und ihren Jungen-Ängsten wertvoll und willkommen sind und dass man sich nicht vor ihnen fürchtet.

Aufruf zum Mannsein

Auf den Punkt gebracht: Väter, seid Männer, damit Eure Söhne auch welche werden können. Und dann sorgt dafür, dass die Schulen, Unternehmen, Kirchen, Vereine, Nachbarschaften, Regierungen, Medien zu Orten werden, an denen eine Männlichkeit herrscht, die Menschen nicht beschädigt, ausnutzt, entwürdigt sondern liebt, fördert und begleitet. Sogt dafür, dass Eure Söhne Frauen achten und ehren und nicht verletzen. Bringt Ihnen bei, den Weg der Liebe zu gehen und nicht den der Angst. Gebt ihnen Halt, so dass sie keine missbrauchenden Führer brauchen – weder in einem sogenannten Heiligen Krieg noch bei den Pfadfindern oder in der Bundeswehr.

Liebt Eure Söhne. Liebt Eure Frauen. Liebt Euch. Liebt.

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Grafik „Jetzt buchen“: © abcmedia-Fotolia.com

 

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