Co-Feminismus. Von Nebenkriegsschauplätzen und Fortschrittsbremsen.

Markus Theunert legt mit seinem neuen Buch „Co-Feminismus. Wie Männer Emanzipation sabotieren – und was Frauen davon haben“ eine kluge Analyse vor, die mutig auf den Punkt bringt, wie es Männer und Frauen gemeinsam geschafft haben, den ursprünglich befreienden Anspruch des Feminismus in eine Sackgasse zu manövrieren und von dort den unseligen Kampf der Geschlechter weiter zu befeuern.

theunert_200x284Der Schweizer Psychologe und einstige Männerbeauftragte sieht eine unausgesprochene Allianz zweier gesellschaftlicher Gruppen, die beide das Ziel verfolgen, den bestehenden Status Quo in Sachen Geschlechter-Ungerechtigkeit aufrecht zu halten.

Zwar gäben Männer die ein oder andere Position und Arbeitsstelle an Frauen ab – aber nur solange sich diese brav und geschmeidig in das androzentrische Weltbild einfügten und so nicht wirklich das Verhältnis der Geschlechter infrage stellten oder gar eine breite Debatte darüber eröffnen, wie Männer und Frauen in Zukunft endlich respektvoller miteinander umgehen können.

Beide – sowohl männliche „Co-Feministen“ als auch weibliche „Gleichstellungsfeministinnen“ – profitieren nach Meinung Theunerts von einem intellektuellen wie emotionalen Stillstand in der Geschlechterfrage. Statt der gebotenen und notwendigen Debatten wären zahlreiche Nebenkriegsschauplätze entstanden, auf denen sich ausgerechnet diejenigen beharkten, die Änderung wollten, während sich die eigentlichen Fortschritttsbremsen fein raushielten.

Sich rauszuhalten sei denn auch eine der bevorzugten Strategien derer, für die am liebsten alles so bliebe wie es war, und so gehe es heute nicht mehr darum, lediglich an der ein oder anderen Stellschraube zu drehen: Wer wirklich Geschlechtergerechtigkeit wolle, muss laut Theunert einen „Neubeginn“ wagen.

Wagen, einander zuzuhören, Männer und Frauen gleichermaßen respektieren und die alten Täter-Opfer-Reflexe loslassen. Und endlich auch sich selbst ernst nehmen und sehen, dass das Kleingedruckte unseres Gesellschaftsvertrags so formuliert ist, dass beide Geschlechter als defizitäre Mängelwesen gewünscht werden, die nach der jeweils „besseren Hälfte“ suchen müssen, um seelisch einigermaßen über die Runden zu kommen.

theunert-cover_200x306Der Neubeginn, den sich Theunert persönlich wünscht und den er gesellschaftspolitisch einfordert, würde gravierende Konsequenzen haben, denn er würde die patriarchalen Fundamente unseres Zusammenlebens – Macht, Stärke, Kontrolle, Ausgrenzung, Gefühllosigkeit etc. – schleifen und stattdessen voll und ganz auf Liebe, Achtsamkeit und Zuhören setzen. Ob das gelingt, wie das gelingt, wann das gelingt… Darüber wagt Theunert seriöserweise keine Aussage. Dass es dazu keine Alternative gibt, darin allerdings ist er klar und unmissverständlich.

Ich halte „Co-Feminismus“ für ein lesenswertes Buch und für einen wichtigen Beitrag zu dieser komplexen Gemengelage. Mir gefällt, dass der Autor sowohl die individuellen als auch die kollektiven Aspekte in den Blick nimmt; dass er aus einer persönlichen Warte heraus schreibt und gleichzeitig jede Menge anderer Denker einbindet und zitiert; dass er klar Position bezieht und sein Buch zugleich als kleinen Teil eines langen Weges einordnet.

Markus Theunert wird mit seinen Thesen vielen auf die Füße treten: Männern und Frauen, Politikern und Gleichstellungsbeauftragten, Maskulisten und Feministinnen. Aber ich bin sicher, dass er gleichzeitig all denen aus der Seele spricht, die zunehmend ein Unbehagen verspüren ob der Art und Weise, wie dieses Thema diskutiert wird; die es leid sind, alle Männer als böse und alle Frauen als gut sehen zu sollen; die endlich auch die dunklen Seiten der Frau und die hellen Seiten des Mannes anerkannt sehen möchten; die bei einem #aufschrei keine dummen Abwehrreflexe mehr lesen wollen. Und die tief im Herzen wissen, dass es Zeit ist für Politiken und Partnerschaften, deren Qualität mit dem Schwarz-Weiß-Denken unserer Tage nichts mehr zu tun haben.

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5 Fragen an Markus Theunert

// Wozu brauchen wir eigentlich „Frieden im Geschlechterkampf“, Herr Theunert? Sorgen denn nicht erst die täglichen Rangeleien für Prickeln und Leidenschaft?

Theunert: Klar, Rangeleien mögen die privaten Beziehungen würzen. Wir sprechen hier aber von gesellschaftlicher Gerechtigkeit und da geht es um Machtfragen größerer Dimension. Mit der gleichen Berechtigung könnten Sie fragen: Warum soll der Welthunger gestoppt werden? Ein bisschen Hunger macht das Essen doch erst richtig lecker…

// Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, sagt der Volksmund. Warum also schreiben Sie über Männer – es sind doch die Frauen, die sich belästigt fühlen?

Theunert: Ich spiele mich bestimmt nicht als Anwalt der Frauen auf, sondern liefere eine Analyse über Geschlechterpolitik und Geschlechterbeziehungen. Ich frage: Wie kann es sein, dass Gesellschaft und Gesetz tatsächliche Gleichstellung in allen Lebensbereichen fordern – wir in den entscheidenden Bereichen diesem Ziel aber trotzdem nicht näher kommen? Meine Kernaussage ist, dass es einen Neuanfang braucht, weil wir uns in eine Sackgasse verrannt haben. Der gleichstellungspolitische Diskurs tut so als sei Geschlechtergerechtigkeit bloß Verteilungsgerechtigkeit. Das finde ich aus Frauensicht verständlich, aber letztlich massiv verkürzt und höchst problematisch. Wenn Emanzipation nur dazu führt, dass sich Frauen wie Männer verhalten dürfen, mag das «fair» sein, nachhaltig ist es ganz bestimmt nicht. Oder finden Sie es wirklich sinnvoll, wenn sich Herzinfarktrate, Raucherquote oder Suizidhäufigkeit bei den Frauen jene der Männer erreicht? Ich fordere ein Ende dieser leidigen Erbsenzählerei und eine echte Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse.

// Sie sehen eine „historische Chance“. Was genau bedeutet das? Was möchten Sie erreichen?

Theunert: Bildung, Einkommen und Karrierechancen sind heute noch nicht völlig, aber doch soweit gerecht zwischen den Geschlechtern verteilt, dass keine einseitigen Totalabhängigkeiten mehr bestehen. Das gab es meines Erachtens noch nie in der abendländischen Geschichte. Auf dieser Basis können wir Beziehungen auf Augenhöhe gestalten, Gleichwertigkeit leben. Wenn das keine historische Chance ist…?!

// Was wäre das Beste, das ich als Mann und Partner tun könnte, um die Geschlechtergerechtigkeit wirksam zu verhindern?

Theunert: In meinem Buch identifiziere ich die Sabotage der so genannten Co-Feministen: Das sind jene Männer, die vordergründig unterstreichen, wie wichtig Frauenförderung und Gleichstellung sind – aber das nur tun, bis es von ihnen selber eine Veränderung erfordert. Diese co-feministische Sabotage halte ich für ziemlich smart und effizient. Ich würde Ihnen empfehlen, sie anzuwenden. Dann sind Sie fein raus, weil das ja alles super klingt – und haben Ihre Ruhe.

// Und was könnte ich – in meiner privaten Beziehung und als Teil dieser Gesellschaft – unternehmen, damit dieser Kampf ein Ende findet?

Theunert: Die Mehrheit der Männer leistet sich bis heute den Luxus, einfach überhaupt keine geschlechterpolitische Meinung zu haben. Das hat nichts mit ihnen zu tun, ist Frauensache. Was Simone de Beauvoir vor einem halben Jahrhundert über Frauen gesagt hat, gilt aber auch für Männer: Man wird nicht als Mann geboren, sondern – zumindest zu einem großen Teil – erst gesellschaftlich zum Mann geformt. Die Rolle des leistungsstarken, nimmermüden und schmerzfreien Superhelden wird den wenigsten Männern gerecht. Wenn Sie sich mit diesen Themen auseinander zu setzen beginnen und merken, wie quälend die Folgen dieser Männlichkeitsnormen sein können, dann haben Sie schon einen großen Beitrag geleistet.


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