Brief an die, die ihn wahrscheinlich niemals lesen werden

Irgendwann muss man seinen Frieden machen. Auch und erst recht, wenn er unmöglicher scheint als je zuvor.

Jeder fünfte aus unserer Gesellschaft sorgt gerade für das Gegenteil. Einer von Fünfen unserer Gemeinschaft macht seinen Krieg: Mit Hass, Hetze und Häme. Mit verbaler Gewalt und gewalttätigen Taten. Mit dem freiwilligen Verzicht auf Vernunft, Eigenverantwortung und Selbstreflexion. Mit der Kultivierung von Bösartig- und Lieblosigkeit.

Die Absicht dahinter? Das Ziel da vorne? Stille. Tödliche Stille.

Die Strategie dafür? Alles töten und vertreiben, was anders ist.

Der Trugschluss darin? Wenn erst alles weg ist, was du nicht magst, kommst du zur Ruhe. Bist du in Sicherheit. Findest du deinen Frieden.

Kann das funktionieren? Natürlich nicht. Denn mit jedem Gedanken, mit jedem Menschen, mit jeder Idee, die du wegmachst, holst du auch etwas herein. Es ist ein Tauschgeschäft, und zwar ein ganz mieses. Mit jeder Tötung, mit jeder Vertreibung, mit jeder Verstümmelung  öffnest du eine Tür für Schuld.

Trügerische Stille nennt das der Volksmund. Ja, die Stille trügt, wenn du all den Stimmen die Zunge herausgeschnitten hast, die du nicht hören magst. Denn tief in deinem verschlossenen Herzen hörst du schon diese eine Stimme, die schriller ist als alles andere. Du hörst die Stimme der Reue.

Die Reue haut dir um die Ohren, was unerträglich weh tut: Die Erkenntnis, einen unfassbaren Fehler gemacht zuhaben, der nicht wieder gutzumachen ist.

Die Fallhöhe ist monströs. Du warst so sehr überzeugt, das Richtige zu tun, im Recht zu sein mit deinem Hass, dass du in blinder Wut alles um dich herum versengt hast.

Und jetzt, wo alles weg ist – alle Vielfalt, alles Bunte, alles Andere, alles Fremde, alles Fortschrittliche –, jetzt, wo alles weg ist, was dich so wütend gemacht hat in deiner Ohnmacht und deinem Gefühl von Bedeutungslosigkeit. Jetzt wo du jeden abgestochen hast, der nicht so leben wollte wie du. Jetzt erkennst du plötzlich, dass du einen unfassbaren Fehler gemacht hast.

Natürlich weigerst du dich, diese Erkenntnis zuzulassen, denn wie solltest du diesen Schock, diese Scham auch ertragen? Also verdrängst du auch diese Erkenntnis, die sich aufdrängt, weil du jeden verdrängt hast, der nicht in dein Weltbild passte.

Du zwingst dein System, mit dem du so sehr geschunden hast und das dich so sehr geschunden hat, in einen brutalen Stillstand, denn die geringste Bewegung würde dich in einen entsetzlich schmerzenden Kontakt mit deiner Schuld bringen. Die Reue über diese nicht tilgbare Schuld würde dich von innen her verbrennen, würde dich kaputt machen. So wie du jahrelang alle und alles kaputt gemacht hast.

Stille hattest du dir erhofft. Eine Welt, die dir nicht mehr laut und deutlich sagt, dass du auf dem Holzweg bist. Dass du dich entwickeln musst, wenn du wirklich deinen Frieden machen möchtest. Um dein Herz zur Ruhe zu bringen. Um deiner Seele wohltuende Stille zu schenken.

Mensch, sei doch nicht blöd! Du wirst keinen Frieden finden, wenn du Krieg führst. Im Unterschied zum Tier bist du in der Lage, die Zukunft zu denken, bevor sie eintritt. Denk also in die Zukunft. Malträtiere dein Herz nicht mit Schuld und Reue, um schlussendlich zu erkennen, dass der Frieden, den du dir so sehr wünschst, weiter weg ist als je zuvor.

Mensch, mach deinen Frieden jetzt. Jetzt, in diesem Moment. Schließe Frieden mit dir. Öffne deine Arme und heiße deine Wut, deine Empörung, deine Hilflosigkeit, deine Machtgeilheit, deine Feindseligkeit willkommen. Denn sie werden für etwas gut sein. Irgendetwas möchte gesehen und gehört werden, was deine Aufmerksamkeit braucht. Deine ganze Kraft. Deine volle Unterstützung.

Wenn du dem, was sich da entwickeln möchte, deine Beachtung schenkst, hast du noch eine Chance. Und mit dir all die, denen du ansonsten fürchterliches Leid zufügen wirst.

Noch hast du die Chance. Wenn du bis hierher gelesen hast, gibt es noch Hoffnung. Etwas in dir ahnt – nein, weiß – dass deine Seele mehr verdient hat, als mitansehen zu müssen, dass du dein wunderbares Leben zu einem einzigen großen Fehler versaust.

Mach deinen Frieden, Mensch. Jetzt. Und wenn du es nicht alleine kannst, bitte um Hilfe. Denn vier Fünftel unserer Gemeinschaft, unserer Gesellschaft, wollen den Frieden. Die Liebe. Alles, was du dafür brauchst, ist ein wenig Mut. Ja, vielleicht mehr Mut, als du jemals beweisen musstest. Aber dennoch nur ein wenig.

Mach deinen Frieden.

 

 

 

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