Wer bist’n du eigentlich? – Von stiller Präsenz in lauten Zeiten.

„Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“

Unter diesem genialen Titel lud der Philosoph Richard David Precht vor vier Jahren zu einer „philosophischen Reise“ ein, die große Aufmerksamkeit erregte.

„Wer bist du ohne dein Drama?“

Diese Frage stellte mir mein NLP-Ausbilder vor mehr als zehn Jahren, und er brachte mich damit mächtig ins Nachdenken über mein Selbstbild und meine inneren Muster und Glaubenssätze.

„Wer bist du ohne deine Geschichte?“

Mit dieser Frage beschäftigte ich mich in den letzten Tagen im Rahmen meiner Heldenreise. Wer bin ich ohne meine Geschichte, d.h. ohne all die Eigenschaften und Merkmale, die ich mir in den letzten fünfzig Jahren mittels Erziehung, Erfahrung und Prägung angeeignet habe und die heute munter meine Persönlichkeit, meine Identität beschreiben?

Wer ich bin ohne meine Geschichte? Keine Ahnung…

* * *

Denn wer antwortet da eigentlich auf die Frage? – „Na ich!“, mögen Sie sagen. Aber genau das ist ja das Problem: „ich“ bin doch der, der durch seine Geschichte zu dem geformt wurde, der „ich“ heute bin. Wie soll „ich“ dann wissen, wer „ich“ bin, wenn alles, was meine Geschichte zu „mir“ beigetragen hat, vorher weggedacht wird?

Hallo!?

„Wissen“ ist eine Kategorie des „Ich“ oder des „Ego“ oder der „Struktur“. Wenn aber das, urne1was das „Ich“ erst konstituiert – seine Geschichte, seine Erfahrungen – gar nicht erst gedacht werden darf: wer oder was bleibt denn dann noch übrig?

Man könnte sich die Haare ausraufen…

Schnell war klar, dass wir hier mit Nachdenken, Analysen und logischen Kausalzusammenhängen nicht weiterkommen würden. Es brauchte eine andere Herangehensweise.

So führten uns unsere Lehrer an die Kontemplation heran. Noch nie in meinem Leben war ich so oft so lange still gewesen. Wieder und wieder übten wir uns im Kreis der Männer im stillen Sein: Augen auf, aufrecht und achtsam saßen wir da und waren eingeladen nicht zu denken. Und Sie wissen ja, was geschieht, wenn man versucht, nicht zu denken…

* * *

Kontemplation ist das Werkzeug der Mystik: Zen, Meister Eckhart, die Sufis und viele andere kannten und kennen den Wert der absichtslosen Stille, die nichts will und in der es nichts zu erreichen gibt. In der es nur darum geht, seinen Einsatz bereitzustellen, der vielleicht – vielleicht! – dazu führt, dass sich plötzlich eine Lücke auftut.

Eine Lücke im ewigen Strom der Gedanken. Eine Lücke als Fenster zu einer Ebene, die urne5jenseits des „Ich“ liegt. Die transpersonal ist.

Diese Ebene kann man nicht herbeiholen. Man kann nicht gezielt hingehen oder sie machen, generieren. Sie tut sich auf – oder nicht. So gaben wir uns also der paradox anmutenden Frage hin:

Was geschieht, wenn nichts geschieht?

Chemiker und Physiker kennen sogenannte flüchtige Zustände. Zustände, die extrem instabil sind und die von einem Wimpernschlag zum nächsten zusammenbrechen können. So ähnlich kam ich mir in diesen Übungen vor. Kaum hatte man „gedacht“, da könnte so etwas wie eine Lücke im Denken sein, da war sie auch schon wieder weg…

* * *

Wer sich auf den Weg in den transpersonalen Raum begibt, der begegnet bald dem Tod, dem ultimativen, finalen, endgültigen Nicht-Sein. Der Weg zur Lücke ist ein wenig wie Sterben. Im Sterben lässt „man“ alles los, was „ich“ ist. Den Körper, die Gedanken, die Gefühle, die Psyche.

Der Mystiker folgt seiner tiefen Sehnsucht nach (innerem) Frieden durch Stille. In dieser Stille tut sich große Freiheit auf, die immer da ist, die nicht geraubt werden kann. In diesen friedvollen, stillen Momenten, in denen nichts geschieht: da ist Bewusstsein. Da ist das Gewahrsein dessen, der ich (auch? noch? wirklich?) bin. Dazu muss ich alles loslassen, was ich bin. – Ich muss für einen Moment sterben.

Also stellt sich die Frage, wie man gut stirbt.

* * *

Der erste Reflex in Bezug auf Tod und Sterben: Angst, Abwehr, Ausblenden. Dem Tod begegnen wir in unserer Kultur meist nur in der Distanz (Krimi, Kino, Zeitung, Pflegeheim…). Wir geben in unserer Gesellschaft viel dafür, den Tod draußen vor der Tür zu halten. Tun sogar so, als müssten wir gar nie sterben, als könnte es nicht jeden Moment urne2vorbei sein. Das Memento Mori des Mittelalters haben wir erfolgreich ausgemerzt.

Doch erst durch den Tod, erst durch den endgültigen Abschied von allem und allen, die uns wichtig sind, können wir wahrhaft leben. Denn nur jetzt – im Moment der Gegenwart – lebe ich. Ob ich gleich noch leben werde, in der Zukunft, weiß ich nicht. Weiß niemand.

Und deshalb lehren die vielen spirituellen Richtungen dieser Welt so einmütig wie unermüdlich das Präsent-Sein im Jetzt. Aber wie ist man präsent? Wie macht man das, das im Hier-Und-Jetzt-Sein, das von den Yoga- und Wellnesstempeln dieser Welt angepriesen wird?

Es gibt nur einen Weg, dies aktiv zu tun: Zustimmen. Ja sagen. Ja sagen zu allem, was ist.

Präsent sein heißt ganz pragmatisch zu sagen, zu denken: Ich stimme zu, dass ich Angst habe. Ich stimme zu, dass ich wütend bin. Ich stimme zu, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich stimme zu, dass ich einsam bin. Ich stimme zu, dass ich fröhlich bin. Ich sage ja, ja, ja… In jedem Moment, zu jedem Gefühl, bei jedem Gedanken.

* * *

Das ist eine weitreichende Entscheidung. Denn ein Leben ohne Widerstand, ohne Empörung, ohne Angst und Wut ist so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, wie heutzutage Leben (Politik, Gesundheit, Facebook, Beziehungen, Selbstoptimierung, Beruf, urne3Erziehung…) stattfindet. Wir grübeln übers Gestern und sorgen uns ums Morgen und schimpfen über den Rest…

Sterben aber kann ich nur im Jetzt. Präsent sein kann ich nur jetzt. Inneren Frieden finde ich nur in der Gegenwart. Die Lücke tut sich weder gestern noch morgen auf, nur jetzt.

Also geht es immer weniger ums Tun und ums Haben. Es geht ums Sein. Dafür muss ich mich in Durchlässigkeit üben, im Still-Sein, im Bei-Mir-Bleiben. Wir lernten in diesen Tagen, mit dem Tod intim zu werden, und je intimer wir mit unserem eigenen Sterben wurden, desto reicher und wertvoller wurde uns das Leben.

Ein Leben, das so oft schwer ist und angefüllt mit Sorgen, Ängsten und Gefühlen, die „wir“ doch eigentlich nie wollten. Ein Leben, das von jetzt auf gleich leicht, lebendig und lustvoll ist, wenn wir es denn zuließen.

* * *

Der Weg dahin ist nicht leicht. Zumindest nicht immer. Er fordert Geduld, bietet keinerlei Garantien und bringt einen an die Grenze der Verzweiflung. Und so geht es hier nicht zuvörderst um Zustandsverbesserung sondern um Bewusstseinserweiterung. Nicht um Selbstoptimierung sondern um ein essenzielles Sich-Entwickeln.

Der Mystiker weiß, dass er nichts weiß, aber was er sicher weiß, ist, dass man nichts wegmachen kann (all die blöden Gefühle) sondern, dass man daneben etwas aufbauen muss, das stärker ist als das ganze mühselige Hirnkino.

Ja, man muss es aufbauen und kann es in letzter Konsequenz doch nicht aufbauen, denn auch das wäre ja ein Tun, ein Machen… Mehr als einmal meinte ich in diesen bedeutsamen Tagen mystisches Gelächter zu hören, das die Götter voller Heiterkeit anstimmten angesichts des Ringens unseres Männerkreises mit den Paradoxien, die die Welt zwischen Leben und Sterben, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Angst und Zustimmung so anzubieten hat.

Der Narr des Mittelalters, der den Menschen ohne Rücksicht auf Verluste Spiegel und Vergänglichkeit vorhielt, hätte seine helle Freude an uns gehabt… Und sicher mit uns gefeiert, als wir heil und sicher und bereichert aus unseren Ritualen in der Zwischenwelt zurückkehrten.

Lang lebe das Leben!

narr2

 

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