Die Rache der Gekränkten – oder: Neue Auswege aus Hass, Wut und Angst.

harald2016Ich bin Harald Berenfänger. Ich bin 50 Jahre alt, Vater zweier Kinder, Partner, Sohn. Ich kann mich an kein politisches Ereignis erinnern, das mich mehr berührt und betroffen gemacht hat als die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA inklusive aller Ereignisse in dessen Wahlkampf. In dem nachfolgenden Essay versuche ich einen Weg zu skizzieren, der uns aus der Spirale von Hass, Wut und Angst herausführen könnte. Es ist ein erster Aufschlag – keine fertige Lösung. Ich werde weiter daran feilen und dafür werben.


Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er wütend war, dass Gott dessen Opfergabe wertvoller ansah als seine.

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Drei Viertel der Amerikaner erschlagen Moral und Vernunft, weil sie wütend sind, dass ihr Opfer nichts (mehr) zählt.

„Jeder ist seines Glückes Schmied. Du kannst alles schaffen, wenn du dich nur ordentlich anstrengst! Harte Arbeit, ehrliche Arbeit!“ Körperliche Arbeit als Eintrittskarte in ein Geliebt-Werden. Nicht von Gottvater aber von Vaterstaat.

Hatte Vaterstaat nicht seit Anbeginn der amerikanischen Zeiten diese frohe Botschaft vermittelt? Dass bei ihm jeder willkommen ist, der sich im Schweiße seines Angesichts vom Tellerwäscher bis zum Millionär hocharbeiten will? Und hatten ihre Vorfahren – als sie als Flüchtlinge aus Europa gen Westen segelten – nicht die Sehnsucht im Herzen, frei zu sein und altväterliche Bevormundung hinter sich zu lassen?

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Vor 473 Jahren kränkte Kopernikus viele Menschen mit seiner Entdeckung, dass die Welt sich nicht um die Erde dreht. Vor 157 Jahren kränkte Darwin viele Menschen mit seiner Entdeckung, dass der Mensch nicht unabhängig von den Tieren entstanden ist. Vor 93 Jahren kränkte Freud viele Menschen mit seiner Entdeckung, dass der Mensch auf die meisten seiner inneren Prozesse keinen oder nur geringen Einfluss hat.

In den letzten Jahren kränkte Vaterstaat viele Menschen mit seiner Entdeckung, dass in einer digitalen Welt einfache und körperliche Tätigkeiten immer rascher aussterben und die, die sie bis dahin ausführten, fortan überflüssig sind für den Glanz und den Erfolg des Vaters.

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Kränkung ist kein Gefühl. Kränkung ist die subjektive Bewertung einer sozialen Interaktion. Man kann Menschen beleidigen und demütigenkränken tun wir uns selber. Und entwickeln darin Wut. Wut auf andere, denen es anscheinend besser geht, die heil sind, bevorzugter, gemochter, teilhabender, gebildeter…

Die Wut kann sich auf einen einzelnen Menschen richten, auf eine Organisation, eine Kultur, eine Religion, ein Geschlecht, eine soziale Schicht usw.

Unabhängig vom Ziel der Wut steht ihr Kern: die neidische Erkenntnis, unfreiwillig außen vor zu sein.

Eine Möglichkeit, mit einer solchen Kränkung umzugehen, ist Kompensation. Wer weiß schon, wie viele großartige Kunstwerke aus verschmähter Liebe entstanden sind…

Eine zweite Möglichkeit ist die Über-Kompensation. Der Gekränkte nutzt seine ungeheure Wut als nicht versiegende Kraftquelle zur Rache. Wer weiß schon, was aus Hitler geworden wäre, wenn er mit seiner Malerei nicht auf Ablehnung gestoßen wäre…

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In den USA – wie auch in Europa – fühlen sich immer mehr Menschen gekränkt, weil ihnen die neuen Kleider, in denen sich die Welt präsentiert, nicht passen. Immer schneller wechselt die Welt ihre Kleidung; Gewissheit darüber, wie sie morgen ausschaut, gibt es nicht mehr:

  • Männer sind nicht mehr besser als Frauen
  • Weiße sind nicht mehr wertvoller als Nicht-Weiße
  • Heteros sind nicht mehr besser als Nicht-Heteros
  • Wenig Bildung ist immer seltener mehr kein Problem
  • Menschliche Arbeit wird immer öfter schlechter entlohnt als digitale Arbeit
  • Der Mensch ist nicht mehr Besitzer von Tieren und Wäldern und Meeren
  • Fleisch kann nicht länger ohne moralische Abwägung gegessen werden
  • Nationale Grenzen sind immer seltener abgrenzend, wenn Wirtschaft, Ausbeutung und Internet alle auf Erden immer enger miteinander verbinden
  • Kriege und kriegsähnliche Attacken lassen sich immer seltener lokal beschränken

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Manche Menschen reagieren neugierig und zuversichtlich auf die neuen Gewänder der Welt – und manche haben Angst. Angst, nicht mehr mitzukommen. Angst, eigene Gewissheiten zu verlieren. Angst, teilen zu müssen. Angst, dass ihre Kinder es mal schlechter haben als sie. – Und ein Teil derjenigen, der Angst hat, transformiert diese Angst in Wut.

In eine Wut, in der der Andere, der Nicht-Ich, schuldig ist. Einfach deshalb, weil er an etwas teilhat, woran der Wütende nicht teil hat. Und sei es nur die Zuversicht auf eine sich verändernde Welt.

Narzissten haben zwei hervorstechende Merkmale: sie können stark austeilen und abwerten – und schlecht einstecken und akzeptieren. Im einen Moment wahre Mimosen, im anderen bösartig und gemein. Instinktiv scharen sie als Einäugige Blinde um sich und suchen fieberhaft nach Menschen, die noch schwächer sind als sie. Sündenböcke stehen hoch im Kurs gekränkter Wutmenschen. Nicht aufzuhalten in ihrem sadistischen Furor.

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Die Diskussion darüber, ob man den Anhängern reaktionärer Führer nicht mehr zuhören, ihre Ängste ernst(er) nehmen müsse. Die Diskussion darüber, ob die liberalen Bildungsbürger nicht die eigentlich Arroganten/Ignoranten sind. Die Diskussion darüber, ob die Medien falsch berichtet haben. All diese Diskussionen kann man führen – und doch gehen sie am Kern vorbei.

Wir sind Menschen. Als solche werden wir immer kränken und immer gekränkt werden. Der Versuch, jegliches Kränkungspotenzial zu vernichten führt zur Vernichtung des Mensch-Seins. Die Studenten an einigen amerikanischen Universitäten machen es gerade vor, wie wahnhaft soziales Miteinander werden kann, wenn der einzige Maßstab für Kommunikation der Anspruch ist, dass sich niemand mehr gekränkt fühlt. So wird der eigene Nabel zur Nabel der Welt und erfolgreiche Kommunikation unmöglich.

* * *

Wer neidisch ist, muss sich selbst um seinen Neid kümmern. Den kann niemand wegmachen. Wer narzisstisch auf seine Umwelt blickt, muss den Perspektivenwechsel selbst wollen. Vernunft und Verständnis sind da nutzlos.

Dabei helfen: Humor, Empathie und Achtsamkeit. Nicht alles persönlich nehmen. Immer öfter auch mal in die Schuhe des anderen schlüpfen. Sich seiner Verletzungen bewusst werden und sie in nützliche Fähigkeiten transformieren.

Am Ende des Tages: Vergeben lernen. Sich selbst, den anderen, der Welt, Gott.

* * *

Humor, Empathie und Achtsamkeit lassen sich nicht einfordern. Die, die teilhaben, können nur für drei Dinge sorgen:

  1. Sich nicht runterziehen lassen
  2. Genügend Möglichkeiten bereitstellen, dass die, die nicht teilhaben, wieder teilhaben können, wenn sie wirklich wollen
  3. Klare Grenzen setzen gegenüber denen, die die Ängste der Nicht-Teilhaber ausnutzen, um die eigene Macht zu erweitern.

Punkt 1 braucht eine beständige Übung in Liebe und Mitgefühl.

Punkt 2 ist die erste Aufgabe der Staaten und der wichtigen Organisationen.

Punkt 3 ist die Aufforderung an den Rechtstaat, juristische Strukturen zu schaffen, die die Förderung von Angst, Hass und Wut unter Strafe stellen.

* * *

Wir sind Menschen. Als solche sind wir immer auch Rivalen und ungleich. Der Versuch der Gleichmachung führt ohne Ausnahme in Gewalt und Verderben. Also geht es darum, dass jeder die Möglichkeit bekommt, die er braucht, um mit seinem Schicksal gut umzugehen. Mitgefühl und Eigenverantwortung. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Gesellschaften, die Narzissten den Weg an die Macht gestatten, vergehen sich an sich selbst. An ihrer Ehre, an ihren Mitgliedern, an ihren Ressourcen.

* * *

Kain wurde von Gott verstoßen, nicht getötet. Gott nahm ihn aus der Gemeinschaft heraus und beschützte ihn. Niemand ist gerne wütend, ängstlich, narzisstisch und gekränkt.

Deshalb braucht es zweierlei, wenn jemand aus Kränkung anderen Schaden zufügt oder diesen androht: Herausnahme aus der Gemeinschaft und Schutz vor der Gemeinschaft ­so lange, bis er gelernt hat, mit seinem Schicksal nicht-schädigend umzugehen.

Das kann nur gelingen, wenn die Grundlage des Zusammenlebens nicht länger darin besteht, andere zum Objekt des eigenen Gewinns zu machen. Liebe, Mitgefühl, Verbundenheit, Dankbarkeit sind die Säulen einer gelingenden Zukunft. Klar und selbstbewusst gilt es für sie zu streiten und sie im Notfall zu beschützen.

Ein Staat, der auf diesen Säulen ruht, wird weiterhin Kränkung zufügen und erleben. Denn das Gewand der Welt wird sich weiter verändern. Aber die, die Kränkungen ausnutzen, werden entmachtet und die, die sich gekränkt fühlen, bekommen die Chance damit klarzukommen.

Frieden ist möglich.

11. November 2016

 

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4 Comments

  1. Holger Dieckmann

    Lieber Harald,
    vielen Dank für diesen Text. Ich glaube allerdings das es zu intellektuell ist. Die Frage ist ob in einer Demokratie die globalen Herausforderungen überhaupt bewältigt werden können. Demokratie erfordert Mehrheiten und Mehrheiten gewinnt man durch Überzeugungen der WählerInnen. Ich sehe schon seit vielen Jahren keine Ansätze mehr das die „Politik“ ein Interesse daran hat ihre potentiellen WählerInnen zu überzeugen. Solange das sich nicht grundlegend ändert werden die nächsten Wahlen genauso ausgehen. In orientierungslosen Zeiten haben Populisten leichtes Spiel. Nur haben wir (als halbwegs intelligente Mitglieder der Gesellschaft) es soweit kommen lassen. Und auch jetzt nach Trump wird es keine grundlegenden Änderungen geben, es wird wieder gehofft werden das es schon nicht so dramatisch werden wird. Marie Le Pen freut sich jetzt schon und gegen die AfD wird nach der nächsten Bundestagswahl gar nichts mehr gehen. Wer die ängstlichen und vermeintlich zu kurz gekommen WählerInnen nicht mit einbinden kann, wird nicht gewählt.

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  2. Maria Ast

    Woran sollen die bzw. wir postmodernen Menschen uns orientieren? An den Trumps und Erfolgs und Siegertypen, an Gewinnmaximierung, an den Beschämern anderer? Danke für Ihre Positionierung. Es macht mich krank, dass in den Medien – und Schulen – so wenig über grundlegende psycho-logische, soziologische Zusammenhänge berichtet wird, die klar machen, dass JEDES Einseitigkeitsdenken ins Extrem führt und Extremisten produziert. Freiheit beginnt im Plural!, so hat es Schultz-von-Thun in seinem Buch „Kommunikation als Lebnskunst“ geschrieben. Dem stimme ich uneingeschränkt zu.
    – Es gilt zu kapieren, dass erst ein Sowohl-als-auch zu Frieden und Freiheit führt. Seine Stärken UND Schwächen kennen; Akzeptanz UND Aufbegehren, je nach Situation; SICH im Blick haben UND die anderen im Blick haben;

    Das ist schwer, das ist anstrengend, das erfordert Zeit, das verlangt Diskurs- und Kompromisfähigkeit und -willigkeit. Es erfordert Vor- und Nach-DENKEN – ebenfalls arbeits- und zeitintensiv. Und, wer hat schon Zeit? Selbst Denken und Vernuft kommt da an seine Grenzen, wenn erwachsene Menschen nur noch im kleinkindlichen Reiz-Reaktionsmechanismus ihren Gefühlen ‚gehorchen‘, oder wenn jemand an etwas „glaubt“. Glaubenssätzen kommt man nicht auf der rationalen Ebene bei.

    Ich bin Wort-Mensch. Ich glaube nicht nur an die Macht von Bildern, sondern an die un-heimliche Macht von Worten. Die Wissenschaftler beschäftigen sich grad endlich intensiver damit (Priming genannt). Konfuzius hat es schon 500 Jahre vor Christus erkannt:

    „Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, daß die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.“

    Auch wenn es mir, wenn es uns nicht immer gelingt, die richtigen, passenden Worte und Begriffe zu wählen, so formuliere ich doch in dem Bewusstsein, DASS sie wirken. Das tat/tut Trump sicher auch. Das tun die Marketingexperten auch. Bleiben wir also wachsam, bleiben wir kritisch, schauen wir genau hin, was die Beweg-Gründe für die Wahl der Worte sind. Wem dienen sie? Welchem Zweck und Ziel? Welche ‚Werte‘ liegen ihnen zugrunde?

    Zwischen den Zeilen/Worten drückt sich die HALTUNG aus. Diese in diesem Blog gefällt mir; sind ist mit meinem Menschenbild, meinen Werten, meiner Haltung kompatibel, denn sie ist außer unterstützend auch das, wovon ich nicht abrücken will: mich und andere kritisch und selbst-kritisch in Frage zu stellen; sich bewusst zu sein, nicht DIE Wahrheit gepachtet zu haben. Mir gefällt Ihre erster „Versuch“ um das Ringen nach hilfreichen Wegen aus Hass, Angst, Wut. Danke.

    Herzlich grüßt
    Maria Ast

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  3. Harald Berenfänger

    Lieber Holger, danke für Deinen Beitrag. Ich glaube nicht, dass wir Probleme bewältigen können. Ich glaube, wir können immer wieder einen bestmöglichen Weg finden, um mit ihnen umzugehen. Die Demokratie ist dabei immer ein langsames System, aber was wäre besser? Alles anderen Systeme verstärken auf Dauer Arroganz, Unterdrückung, Ungleichheit, Rassismus usw. Man kann auch niemanden „einbinden“. Sich beteiligen ist möglich, aber das muss man wollen. Was unsere Parteien dafür tun können: Herzensbildung vorantreiben, auf breiter Basis Resilienz fördern, Kollaboration unterstützen usw. Das wird dauern. Schnell ist nur der Terror.

    Liebe Maria, aus Dir vielen Dank für Deinen Kommentar. Woran sollen wir uns orientieren, fragst Du? Letztlich an unserem Herzen. Und natürlich an Menschen, die uns vorgelebt haben, dass Entwicklung zum Besseren möglich ist. An Menschen, deren Integrität und Anstand wir sehen und schätzen. An unseren Werten und Überzeugungen. Selbsterforschung, Herzensbildung, Liebe, Mitgefühl, Dankbarkeit. Auch das ist ein langer Weg…

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  4. Marcel

    Lieber Harald, vielen Dank erst mal für diesen Beitrag. Wir befinden uns in einer Zeitenwende. Der Humus, aus dem Liebe, Empathie, Humor erwächst, wird gedüngt durch Friede und Wohlstand. Blinde Wut, Haß sind Ingredienzen des Produktes, dem dieser Dünger fehlt. Der Mensch ist verdammt zu wachsen – auch über sich hinaus – . Ressourcen werden verbraucht und damit auch Friede und Wohlstand. Es ist so wie es ist. Es bleibt jedem Menschen selbst überlassen, ob er sich für die dunkle oder helle Seite des Lebens entscheidet. Diejenigen, die sich für die dunkle Seite entscheiden, werden mit dessen Konsequenzen leben müssen. Alles ist richtig so, wie es ist.

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