Leitkultur und Identität. Beitrag zu einer notwendenden Debatte.

Der deutsche Innenminister hat einen Diskussionsvorschlag zum Thema „Deutsche Leitkultur“ veröffentlicht, und je jünger/linker/alternativer sein Publikum, desto heftiger sind die Reaktionen darauf. Eine halbwegs entspannte, neugierige, interessierte, respektvolle Debatte scheint bei diesem Thema hierzulande nur sehr begrenzt möglich. – Und was hat das mit Coaching oder mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun?

Sowohl in der (Veränderungs-) Arbeit mit Einzelpersonen als auch in der Arbeit mit Organisationen geht es fast immer irgendwann um die Frage: Wer bin ich? Wer könnte ich sein? Wer möchte ich sein? Wer darf ich sein?

Es ist eine Frage nach der eigenen Identität. Nach dem Ich-Bin bzw. Wir-Sind.

Diese Frage ist oft nicht leicht zu beantworten – und immer emotional aufgeladen und voller Möglichkeiten für Streit, Kränkung und Missverständnis.

Im Coaching gesellen sich gerne noch Scham und Ohnmacht hinzu, wenn der Klient zu der Erkenntnis kommt, dass er all die Jahre ein Leben geführt hat, das eigentlich nicht seines war.

In der Organisationsberatung entstehen ratzfatz Widerstand, Trotz, Angst und innere Kündigung, wenn die Mitarbeiter das Gefühl haben, „falsch“ zu sein angesichts des von der Führung geforderten „Changes“ der „Unternehmenskultur“.

Für sich alleine kann der Mensch noch recht gut eine Rolle, ein Ich-Bin finden: eine Vision formulieren, eine Mission , ein persönliches Leitbild.

In Gruppen, gar in ganzen Staaten, wird das schon schwieriger.

Gold Foil Round Shining Paint Stain Hand Drawn Raster Illustration.Aber braucht eine Gemeinschaft, braucht ein Staat denn überhaupt so etwas wie ein gemeinsames Leitbild? Eine gemeinsame Identität? Reicht es nicht zu sagen: Es gibt ein Gesetz und ansonsten: Jeder nach seiner Facon?

Ich wage die Behauptung: Nein, das reicht nicht. Ein Mensch, der kein hinreichendes Gefühl dafür besitzt, wer er ist, läuft große Gefahr, unzufrieden und erfolglos zu werden. Wer nicht weiß, wer er ist, wird auch kaum herausfinden, wer er sein könnte. Und auf welcher Grundlage soll er dann Entscheidungen treffen, die über bloßen Konsum und momentane Bedürfnisbefriedigung hinausreichen? Wie soll er langfristig „Sinn“ in sein Leben bekommen, wenn egal ist, wer er ist?

Der Mensch strebt nach Sinn, nach Autonomie, nach Zugehörigkeit. Privat und beruflich. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern dafür keine Angebote machen, gehen auf Dauer unter. Menschen, die weder Sinn, noch Selbstwirksamkeit oder Gemeinschaft erfahren, auch.

Und wieso sollte das auf Ebene von Gemeinschaft, Gesellschaft, Staat, Nation anders sein?

Aber wie entsteht so etwas wie Identität?

Sicher nicht, wie es manche Unternehmen immer noch versuchen: Berater engagieren, die smarte Leitlinien formulieren und diese auf Plakate für die Büroflure drucken lassen, auf dass die Mitarbeiter jubelnd ihr Verhalten anpassen…

Identität und Leitbild entstehen nicht par ordre du mufti.

Kultur ist die Fülle der gelebten Wirklichkeit.

Identität ist der Spirit, der von einem Menschen ausgeht.

Wes Geistes Kind bist du?, fragt das Leitbild.

Wer die Frage nach der Identität eines Landes beantworten möchte, muss also in die Vergangenheit schauen – und in die Zukunft. Muss die Realitäten sehen und nach Sinn fragen.

Wenn man auf die konkrete Debatte „Deutsche Leitkultur“ schaut, dann muss gesehen werden, in welch rasantem Tempo sich die persönliche Wirklichkeit für viele Menschen verändert hat und weiter verändert. Dann muss gesehen werden, wie schnell sich Arbeitswelten, Normen, Mann-Frau-Rollen, Zukunftssicherheiten verändern. Wie rasant der christliche Glaube an Bedeutung und die Kirche an Ansehen verloren hat. Wie nah plötzlich das Fremde ist (via Internet, Globalisierung, Migration). Dann muss gesehen werden, wie tief das Erschrecken über Barbarei des Holocausts sitzt.

Das alles sind Realitäten, die angeschaut und gewürdigt werden müssen, wenn man fruchtbar über nationale Leitbilder sprechen will.

Die Frage ist dann: Wie bewerten wir die Veränderung? Blicken wir neugierig und interessiert auf neue Chancen und neue Lösungen? Oder zucken wir ängstlich zurück und sehnen uns nach einer vermeintlich guten, alten Zeit?

Und wie denkt der Mutige über den Ängstlichen? Und umgekehrt? Und was sagt das wiederum über unsere gemeinsame Identität?

Gold Foil Round Shining Paint Stain Hand Drawn Raster Illustration.Vielleicht ist die deutsche Identität eine Medaille mit zwei Seiten: Auf der einen finden wir Mut, Forschergeist, Offenheit, Toleranz, Wissenschaft, Neugier, Leistungsdenken, Eigenverantwortung, Mitgefühl, Höflichkeit, Ordentlichkeit, soziale Verantwortung etc. – auf der anderen finden wir unsere Schatten: Angst, Rassismus, Sexismus, Ignoranz, Brutalität, Rücksichtslosigkeit, Dummheit etc.

Wer eine Debatte über eine nationale Leitkultur führen will, wird beide Seiten der Medaille in den Blick nehmen müssen. Nicht weil es schön wäre, sondern weil es Realität ist. Realität ist, dass in Deutschland (wie offenbar gerade weltweit) eine Hälfte der Menschen nach neuen Wegen abseits alter Gewissheiten sucht und die andere Hälfte genau das Gegenteil will.

Wer die zweite Seite der Medaille leugnet, spaltet letztlich die Gesellschaft.

Wenn ein Unternehmen seine Kultur ändern will, muss die oberste Führung das Neue vorbildhaft vorleben und in ihrem alltäglichen Verhalten Integrität, Vertrauenswürdigkeit, Fairness, Klarheit, Gerichtetheit glaubhaft sichtbar machen. Eine Geschäftsführung, die den Change per Arbeitsanweisung delegieren will ohne zunächst das eigene Verhalten ehrlich auf den Prüfstand zu stellen, scheitert zwangsläufig.

Wer aber ist die Geschäftsführung in Deutschland? Sicherlich Bundespräsident, Bundeskanzler, Minister. Aber auch andere zentrale Meinungsführer aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft, Spiritualität, Wirtschaft etc.

Wer konkret bietet sich an, durch sein persönliches Handeln von einer breiten Masse an Bürgern auf beiden Seiten der Medaille zum gemeinsamen Vorbild erkoren zu werden?

Wer lässt das Land spüren, dass es einen übergeordneten Sinn gibt für die Gesellschaft? Und was könnte das sein?

Die letzten großen Sinngeber scheinen sich gerade alle verabschiedet zu haben: Die drei großen abrahamitischen Religionen haben ihren spirituellen Kern teilweise bis zur Unkenntlichkeit verraten. Der Amerikanische Traum im „Land der Freien“ wird von Trump verraten, das Motto der Französischen Revolution trägt der Front National zu Grabe, und überall auf der Welt schicken sich Führer und Gruppierungen an, persönliche Macht gewalttätig über kollektiven Sinn zu stellen.

Gold Foil Round Shining Paint Stain Hand Drawn Raster Illustration.Was treibt unser Land im Innersten an? Welches übergeordnete Ziel haben wir für Deutschland? Wo empfinden alle Bürger Zugehörigkeit und Verbundenheit? Woraus schöpfen wir als Gemeinschaft Kraft und Zuversicht? Wie und wodurch machen wir die Welt ein wenig besser? Welchen Beitrag leistet jeder Einzelne dazu?

Das sind die Fragen, die eine Leitbild-Debatte diskutieren muss – angesichts aller bestehenden Realitäten.

Das sind die Fragen, die auch jeder Einzelne von uns in seinen Facebook-Postings und Zeitungskommentaren im Hinterkopf haben muss, wenn er sinn-voll etwas bewegen und nicht nur andere zerstören will.

Aus meiner Sicht ist es gut und richtig, dass der deutsche Innenminister die Debatte eröffnet hat. Denn im Moment ist die Leitbild-Diskussion seltsam zwiegespalten: Die einen schauen nur nach neuem Sinn – die anderen schauen nur nach alten Realitäten. Es ist also dringend geboten, beide Sichtweisen in ein und dieselbe Debatte zu integrieren – und dort gemeinsam in etwas Neues, Besseres, bisher Unerkanntes zu transformieren.

Bevor wir aber darüber diskutieren, wie die zehn Thesen des Ministers zu bewerten sind und wie eine deutsche Leitkultur definiert werden könnte – müssen wir uns erst einmal darüber verständigen, dass wir alle eine solche Debatte überhaupt führen wollen. Das ist der minimale Nenner, ohne den es nicht geht. Danach erst kommet alles andere.

Das wird spannend, das wird laut, das wird heftig, das wird gefährlich. Und:

Gold Foil Round Shining Paint Stain Hand Drawn Raster Illustration.Wir können das.

Wird dürfen das.

Es ist möglich.

Wir haben es verdient.

 

Frieden ist möglich.

 


Grafiken: © shumo4ka_Fotolia_135158222 (Header) und © shumo4ka_Fotolia_135145519 (Kreis)

 

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